Im Rahmen der Corona-Pandemie geriet Kubas medizinischer Internationalismus in den Fokus internationaler Berichterstattung, als im Frühjahr 2020 medizinisches Fachpersonal nach Italien entsandt wurde. Die solidarisch ausgerichtete Medizin und speziell das Entsenden von medizinischem Fachpersonal hat jedoch schon lange Tradition im sozialistischen Kuba. So begannen in Kuba nach der Revolution früh Anstrengungen um andere Länder, vornehmlich in Lateinamerika und Afrika, medizinisch zu unterstützen. Einer der ersten solcher Einsätze geschah nach 1965 im afrikanischen Guinea-Bissau. Hier handelte Che Guevara persönlich mit Guinea-Bissaus Rebellenführer Amílcar Cabral militärische und medizinische Hilfeleistungen für die ‚Partido Africano para a Independência da Guiné e Cabo Verde‘ (PAIGC) aus, welche sich gegen den portugiesischen Imperialismus auflehnte.

Trotz der militärischen Expertise der Kubaner*innen legte Amílcar Cabral großen Wert
darauf, dass der Befreiungskampf in Guinea-Bissau (fast) ausschließlich von den Einheimischen getragen wurde und lehnte hierfür, mit Ausnahme von einem Minimum an Kubaner*innen, Personal aus dem Ausland kategorisch ab. So stellte Kuba eine Handvoll Artilleristen und ein kleines Kontingent an medizinischem Personal, welches nichtsdestotrotz eine entscheidende Rolle in der Befreiung Guinea-Bissaus spielen sollte. So war es elementarer Bestandteil der von Cabral formulierten Strategie, dass von den Portugiesen befreiten Gebiete nach ehrgeizigen sozialistischen Vorstellungen umstrukturiert werden sollten. Seine Vision sah die direkte politischen Teilhabe der lokalen Bevölkerung vor und beinhaltete auch vorher nicht dagewesene Bildungs- und Medizinangebote. Hier war die Mithilfe der Kubaner*innen essentiell, denn es gab vor 1968 keine einheimischen Mediziner*innen in Guinea-Bissau. In den Folgejahren ließ sich die Zahl einheimischer Mediziner*innen, welche vornehmlich in Osteuropa ausgebildet wurden, an den Händen abzählen.

Gerade dieser Beitrag der Kubaner*innen in der Gestaltung einer Gesellschaft nach
sozialistischen Idealen in den befreiten Gebieten war, neben der Versorgung verwundeter
Freiheitskämpfer*innen, für den Befreiungskampf der PAIGC von zentraler Bedeutung.

So untermauerte die PAIGC unter Cabral konkret ihre ideologischen Ansprüche, wodurch sie ihren Rückhalt in der Bevölkerung festigen konnte. Auf Drängen Cabrals betrieb sie keinen bewaffneten Arm; ihre Mitglieder verstanden sich eher als ‚bewaffnete Aktivist*innen‘, welches neben dem bewaffneten Konflikt auch die Aneignung politischer Theorie und die ganzheitliche Politisierung der örtlichen Bevölkerung beinhaltete. All diese Faktoren ermöglichten es der antikolonialen Revolutionsbewegung trotz der großzügiger finanzieller Unterstützung Portugals durch westliche Staaten und dem Einsatz von 25.000 portugiesischer Soldaten, mit all ihren taktischen Vorteilen, nicht nur zu überleben, sondern auch ihren Einfluss auszuweiten. Amílcar Cabral erlebte die Erfüllung seines Ziels leider nicht mehr, denn er fiel 1973 einem Attentat zum Opfer. Einer Einschätzung des US State Departments zufolge gilt eine Beteiligung des portugiesischen Regimes als wahrscheinlich.

Letztlich war es der äußere Umstand der portugiesischen Nelkenrevolution 1974, welcher
den Befreiungskampf in Guinea-Bissau beendete und die Loslösung vom Imperialismus
ermöglichte. So war die Unabhängigkeit Guinea-Bissaus kein militärischer Sieg im klassischen Sinne. Dieser wäre aber nach Amílcar Cabral, auch nicht unbedingt notwendig gewesen, um eine Nation vom Imperialismus zu befreien. Vielmehr sei es entscheidend den Antagonismus zwischen der Kolonialbevölkerung und der Kolonialherrschaft so weit anzuheizen, dass letztere unhaltbar wird. Ferner verdeutlicht der Befreiungskampf der PAIGC wie wichtig die Frage der sozialistischen Organisation und das Ausleben sozialistischer Prinzipien für einen emanzipatorischen antiimperialistischen Befreiungskampf ist. Besonders deutlich zeigt auch die gelebte Solidarität Kubas auf, von welch zentraler Bedeutsamkeit Medizin- und Bildungsangebote in der dritten Welt auch als Mittel im Kampf um die nationale Unabhängigkeit sein können. Zuletzt stehen die solidarischen Methoden der in aller Welt entsandten kubanischen Mediziner*innen in scharfen Kontrast zu den neoliberalen und auf Profit getrimmten Praktiken vermeintlich philanthropischer Milliardär*innen, wie beispielsweise der Bill & Melinda Gates Foundation. Diese erschwert laut der Los Angeles Times unter anderem die Ausbildung eigener Doktoren in Afrika oder knüpft konkrete Maßnahme an die Bedingungen wie der Privatisierung der existierenden medizinischen Infrastruktur und intensiviert somit die Abhängigkeit vom globalen Norden. Dies wird sicherlich an anderer Stelle nochmal beleuchtet.

Fest steht und das zeigt auch der Befreiungskampf in Guinea-Bissau, dass die Befreiung vom Imperialismus und die damit verbundene nationale Unabhängigkeit ein notwendiger, wenn auch nicht ausreichender Schritt, hin zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft außerhalb des imperialen Kerns.

Quellen:

Chilcote, Ronald H.: The Theory and Practice of Amilcar Cabral: Revolutionary Implications for the Third World. In: Latin American Perspectives 11 (1984), S. 3-14.

Gleijeses, Piero: The First Ambassadors: Cuba’s Contribution to Guinea-Bissau’s War of Independence. In: Journal of Latin American Studies 29 (1997), S. 45-88.

Hatzky, Christine. Kubaner in Angola. Süd-Süd-Kooperationen und Bildungstransfers 1976-1991. München 2012.