Mehrarbeit

 

Über einen fast vergessenen Begriff marxistischer Theorie und seine Aktualität

1. Wie begreift Marx den Mehrwert?

Nach Marx ist die Lohnarbeit, eines der bestimmenden Merkmale des Kapitalismus, untrennbar mit der Mehrarbeit verknüpft. Der Kapitalist kann durch seinen Besitz der Produktionsmittel die Lohnarbeit zu dem Preis erwerben, der ihren Produktionskosten entspricht. Die „Produktionskosten der Lohnarbeit“ sind in dem Fall der Lebensunterhalt des Arbeiters. Der Arbeiter muss eine gewisse Zeit arbeiten, damit er genauso viel produziert, wie er als Lebensunterhalt konsumiert. Würden alle Arbeiter aber nur genau so lange arbeiten, würde nur genau soviel produziert, sodass nur der Unterhalt der Arbeiter gesichert wäre. Kapitalisten würden leer ausgehen, sowohl für ihren eigenen Unterhalt, als auch für die Ausdehnung ihres Betriebes (z.B. in Form von neuen Maschinen). Der Kapitalist ist aber trotzdem in einer Machtposition: Während er im Zweifelsfall auch selbst an die Arbeit gehen könnte, um sich am Leben zu halten, kann der Arbeiter ohne Zugang zu den Produktionsmitteln des Kapitalisten keine (wettbewerbsfähige) Arbeit leisten. Diese Machtposition führt nun dazu, dass der Kapitalist die Arbeiter in Konkurrenz zueinander treten lassen kann. Wer bereit ist, die meiste Zeit für den geringsten Lohn zu arbeiten, wird eingestellt. Alle anderen verfallen dem Elend und werden, wenn überhaupt, nur von Almosen am Leben gehalten.

Marx gesteht ein, dass die „Produktionskosten der Lohnarbeit“ (auch „Reproduktionskosten“ genannt) eine flexible Größe sind. Während der Kapitalist mit allen Mitteln versucht, diese herab zu drücken, kann es durchaus sein, dass gewisse „Lebensmittel“ zwar biologisch nicht zwingend erforderlich sind, aber gesellschaftlich als erforderlich betrachtet werden. Außerdem ist nicht jede Form von Lohnarbeit gleich: besonders qualifizierte Arbeiter brauchen die Möglichkeit, diese besondere Qualifikation zu erwerben. Ihnen wird auch zumeist zugestanden, für ihre Reproduktion mehr Bedürfnisse befriedigen zu „müssen“, was nach Marx den Grund für ihre überdurchschnittliche Entlohnung darstellt. Gleichzeitig ist ihre Arbeit aber dadurch auch besonders produktiv, weshalb auch sie Mehrarbeit leisten und dem Kapitalisten also Profite bescheren. Insofern kompliziert diese Gruppe die marxistische Analyse nicht. Es existiert nach wie vor nur Arbeiter und Kapitalist. Die einzige tatsächliche Ausnahme, die Marx anerkennt, ist der Kleinbürger. Dieser arbeitet mit seinen eigenen Produktionsmitteln und beutet sich also quasi selbst aus, in dem Maße wie er in die Ausdehnung seines Betriebes investiert. Dadurch wird er langfristig entweder zum Kapitalisten, da er den Betrieb bis zur Einstellung von Lohnarbeitern ausdehnt. Oder sein Betrieb wird durch die geringe Größe zunehmend unprofitabel, sodass er schließlich zum Lohnarbeiter herabsinkt. Daher gesteht Marx zwar die Existenz einer mittleren Klasse von Kleinbürgern ein, rechnet aber mit ihrem baldigen Untergang.

2. Wie tut es die bürgerliche Wissenschaft stattdessen?

Die bürgerliche Wirtschaftswissenschaft geht dagegen davon aus, dass jede Tätigkeit in genau dem Maße bezahlt wird, wie durch sie (aneignenbarer) gesellschaftlicher Nutzen entsteht. Der Profit ist aus ihrer Sicht nicht einer Differenz zwischen Tausch- und Gebrauchswert der Lohnarbeit zurückzuführen: Beide sind aus ihrer Sicht exakt identisch. Der Profit wird stattdessen als Produkt der unternehmerischen Tätigkeit begriffen. Unternehmerische Tätigkeit ist in dieser Vorstellung deshalb so viel lohnender, weil sie um ein vielfaches nützlicher ist als die Produktion selbst. So etwas wie Mehrarbeit, also die Differenz zwischen der notwendigen Arbeitszeit zur Erwirtschaftung des Lohnes und der tatsächlichen Arbeitszeit, kann es in diesem Modell nicht geben. Profit ist also auch konsequent kein Mehrwert im marxistischen Sinne, weil der Marxismus diesen ja als den Wert dieser durch Ausbeutung maximierten Mehrarbeit, der Arbeit für die Erwirtschaftung des Profits bestimmt.  Stattdessen erscheint der Profit als das Resultat extrem nützliche Tätigkeit, die in der Ausnutzung von Marktlücken durch den Unternehmer besteht und mit der Arbeit seiner Arbeiter im Grunde nichts zu tun hat, da diese ja den gerechten Marktpreis ihrer Arbeit erhalten. 

Die Ausnutzung einer Marktlücke kann in der Tat einen Gewinn bringen, der zunächst von Ausbeutung und Mehrarbeit völlig unabhängig scheint. Wenn zum Beispiel Weizen in Chicago einen bestimmten Preis hat und in New York einen anderen, könnte ich unter gewissen Umständen einen gewaltigen Gewinn durch den Transport von günstigen Weizen an den Standort mit höherem Preis erwirtschaften. Diese Händler-Tätigkeit ist das Idealbild der bürgerlichen Ökonomen, ein solcher Gewinn wird dort oft als „Arbitrage“ bezeichnet. Die Arbitrage stellt den Teil des Gewinns dar, der nach Abzug des Aufwands der Tätigkeit, der Kosten der eingesetzten Produktionsmittel und ihrer Finanzierung sowie einer Risikoprämie übrig bleibt und damit den Gewinn darstellt, der quasi rein aus der Erkenntnis der Marktlücke und der Entscheidung zu ihrer Schließung entspringt.

Damit haben die bürgerlichen Ökonomen den klassischen Mehrwert in verschiedene Teile gespalten, von denen sie fast alle erklären können:

  1. Den Aufwand der Tätigkeit. Dieser ist genau so viel wert, wie der Tauschwert der Tätigkeit, also dem Lohn für vergleichbare Arbeit.
  2. Kosten der eingesetzten Produktionsmittel. Der Marktwert der bei der Tätigkeit verbrauchten oder verschlissenen Produktionsmittel, also in unserem Beispiel etwa verbrauchtes Benzin und Verschleiß des Fahrzeugs.
  3. Ihre Finanzierung. Da die Produktionsmittel gekauft werden müssen, bevor sie genutzt werden, geht die bürgerliche Ökonomie von gewissen Finanzierungskosten aus. Diese werden in der Höhe des Zinssatzes veranschlagt, der bei einer vergleichbaren Investition zu erzielen gewesen wäre.
  4. Eine Risikoprämie. Diese kann auch als Teil der Finanzierungskosten veranschlagt werden, um der Unsicherheit der Investition Rechnung zu tragen.
  5. Die Arbitrage. Da die vorherigen Punkte zusammen nicht immer den Gewinn einer Unternehmung erreichen, muss es darüber hinaus noch diesen Wert geben. In bürgerlichen Modellen wird praktischerweise davon ausgegangen, dass es keine Arbitragemöglichkeit gibt, entgegen aller Evidenz.

Während die ersten beiden Teile noch vernünftig definiert zu sein scheinen, wird es bei den folgenden schon schwieriger. 3. und 4. ergeben sich beide aus der Theorie der Investition, wonach Geld in der Gegenwart nützlicher ist als Geld in der Zukunft (Zeitwert des Geldes) und außerdem ein sicherer Geldbetrag nützlicher als ein unsicherer (auch wenn beide Beträge im statistischen Mittel gleich hoch sind). Vor allem erstere Eigenschaft des Geldes setzt seine Funktion als Kapital für Investitionen aber bereits voraus. In einer feudalen Gesellschaft konnte es durchaus nützlich sein, Geld (oder wichtiger noch: Nahrung) in die Zukunft zu retten, ohne dafür eine Prämie zu erhalten. Ob der Unterschied zwischen Eigenkapital und Fremdkapital, den die bürgerliche Ökonomie in der Risikoprämie begründet sieht, wirklich daher stammt oder nicht vielmehr ebenfalls aus seiner Verwendung als Investition, ist auch unklar.

 

Spätestens an der Arbitrage scheitert die bürgerliche Ökonomie aber endgültig. Sie ist Wert, der ohne jede Tätigkeit realisiert werden kann, aber trotzdem nicht unmittelbar realisiert wird. Die Tätigkeit des Unternehmers verdichtet sich hier auf einen einzigen Punkt der Erkenntnis und Entscheidung, der Wert wird also aus einem rein subjektiven Geistesblitz erzeugt, sodass das latente Vermögen des Unternehmers vom einen zum nächsten Moment ohne jede äußerliche Veränderung ansteigt. Diesen Prozess kann man nicht anders als mystisch beschreiben, obwohl die sonstige Ökonomie so viel Wert auf ihre mathematisch-trockene Wissenschaftlichkeit legt. Doch es ist gerade ihre mechanizistische Herangehensweise, die jede menschliche Tätigkeit zu einer absolut berechenbaren Größe reduziert, welche am Ende diesen Rest menschlicher Handlungsfähigkeit übrig lässt, nunmehr auf einen einzigen Punkt unternehmerischen Genies konzentriert. Dadurch, dass überall sonst genau so viel produziert wie konsumiert wird, muss die Produktion des Überschusses als das Werk eben dieses Genies erscheinen, dem er daher auch rechtmäßig zusteht. Daher fasziniert die bürgerlichen Ökonomen auch die Figur des Unternehmers derart. Er hat aus ihrer Sicht eine wahrhaft magische Fähigkeit, Wert hervorzubringen, während alle anderen bloße Rädchen seiner gewaltigen Maschine sind. Größten Anstoß müssen sie an jedem Versuch nehmen, seine Fähigkeit zu erklären. Denn alles, was seine Leistung erklären und dadurch reproduzierbar machen würde, wäre ja in seine Tätigkeit einpreisbar und würde die Arbitrage allenfalls reduzieren, niemals jedoch auf Null bringen. Denn gäbe es keine Arbitrage, wäre jeder Wohlstand aus dem vorangehenden mechanisch herzuleiten und Wachstum über den Zins hinaus wäre unmöglich. Der Grund, warum eine Unternehmung also über Lohn- und Finanzierungskosten hinaus noch einen Profit einbringt, bleibt bürgerlichen Ökonomen also verschlossen.

3. Management und Ausbeutung

Wie wir gesehen haben, leitet Marx den Wert der Arbeit fundamental anders her als die bürgerliche Ökonomie. Dadurch gelingt es ihm zu erklären, was für die bürgerliche Ökonomie unbegreiflich bleiben muss (und es daher bis heute ist): den Ursprung des Mehrwerts, der nämlich in der Mehrarbeit liegt. In dieser Erkenntnis ist Marx absolut recht zu geben. Marx gibt darüber hinaus jedoch noch eine Prognose: Aufgrund der Macht des Kapitalisten über den Arbeiter wird es dem Kapitalisten immer (im Kapitalismus) gelingen, dessen Lohn zu minimieren und dessen Arbeitszeit zu maximieren. Der einzige Unterschied zwischen qualifizierter und unqualifizierter Arbeit ist hierbei das entsprechende Minimum bzw. Maximum. Zwar gesteht Marx zu, dass diese Größen gesellschaftlich bestimmt werden und daher etwa durch politische Handlungen verändert werden können. Doch ein Befund, der in der Gegenwart zu machen ist, scheint mit seinem Modell nicht übereinzustimmen: Die Existenz von Lohnarbeitern, die mehr oder weniger offensichtlich keine Mehrarbeit leisten. 

Das einfachste Beispiel sind hierbei sicherlich Top-Manager. Während der bürgerliche Ökonom kein Problem damit hat, ihrer Tätigkeit kurzerhand einen ihrem Lohn entsprechend gewaltigen Nutzen zuzuschreiben, hat der Marxist es um ein vielfaches schwieriger. Er muss darlegen, inwieweit der Lohn zur Reproduktion des Top-Managers notwendig ist. Nun ließe sich einwenden, dass eine gesamtökonomische Tendenz nicht unbedingt in jedem Einzelfall gelten muss. Es wäre natürlich möglich, dass sich der Kapitalist über die Reproduktionskosten des Top-Managers irrt. Allein, dafür ist dieser Posten entschieden zu verbreitet, selbst und gerade in den profitabelsten Unternehmen. Insofern muss davon ausgegangen werden, dass entweder die Reproduktion von Top-Managern tatsächlich derart hoch ist, dass sie ihren gewaltigen Lohn verschlingt, oder aber systematisch von dem Gesetz der Lohn-Minimierung abgewichen wird. Ersteres lässt sich leicht überprüfen: Wenn es dem Top-Manager gelingt, ein Vermögen anzuhäufen, übersteigt sein Lohn seine Reproduktionskosten. Und in der Tat leisten sich viele dieser Manager nicht nur schnelle Autos und große Häuser zum privaten Vergnügen, sondern ein wachsendes Vermögen, nicht zuletzt in Form von Anteilsscheinen an “ihrem” Unternehmen. Also muss zweiteres gelten, und diese Systematik ist erklärungsbedürftig. Es steht nämlich sogar zu vermuten, dass ihr Lohn nicht nur das erforderliche Minimum zur Reproduktion überschreitet, sondern sogar den Wert der von ihnen geleisteten Arbeit.

Während der Top-Manager also vor allem in dem Sinne eine Übergangsform zu sein scheint, sodass er mit der Zeit vom Lohnabhängigen zum Kapitalisten wird, können wir unsere Beobachtung von ihm nach unten fortführen. Was ist mit jenen, die (noch) keine Top-Manager sind? Von dem Punkt an, wo offensichtlich weniger Arbeit geleistet wird als in Lohnform ausbezahlt wird, bis zu dem Punkt, wo beides exakt identisch ist, scheint sich eine relativ breite Schicht von Arbeitern zu erstrecken. Im marxistischen Sinne ist ihre Stellung nicht ganz klar: Sie sind zwar (noch) doppelt freie Arbeiter (frei von Zwang, frei von Produktionsmitteln) und daher lohnabhängig, leisten aber zugleich keine Mehrarbeit und werden also auch nicht ausgebeutet. Im Gegenteil gelingt es ihnen, durch ihre Stellung im Produktionsprozess von der Mehrarbeit anderer zu profitieren. Die “Stellungen im Produktionsprozess”, die im marxistischen Ideal eigentlich vollständig durch die zwei absolut getrennten Kategorien von Arbeiter und Kapitalist erfasst werden, stellen sich in der Realität als komplexer heraus.

Mit der bürgerlichen Ökonomie kommen wir der Sache einen Schritt näher. Sie erfasst nämlich auch die Tätigkeit des Kapitalisten als etwas, dass der Lohnarbeit ähnlich ist, und trennt den Ertrag dieser Tätigkeit daher vom Zins. Und in der Tat ist der klassische Kapitalist, der zugleich Geschäftsführer und Finanzier einer Unternehmung ist, eine spezifische historische Erscheinungsform. Die Koinzidenz beider Rollen ist keineswegs eine logische Notwendigkeit. Vielmehr hat sich in den letzten 150 Jahren die Tendenz mehr und mehr durchgesetzt, beides voneinander zu trennen. Dies ist auch der historische Ursprung des Managers: Er übernimmt alle Tätigkeiten des Kapitalisten, die als Arbeit aufzufassen sind, während der Kapitalist nur noch als Finanzier auftritt. In letzter Konsequenz überlässt der Kapitalist dem Manager in Form des Hedge-Fund-Managers sogar die Verwaltung des eigenen Vermögens, sodass sein Einkommen wirklich von jeder Spur der Tätigkeit gereinigt ist. Auf den Manager geht mit dieser Verfügungsgewalt auch ein Großteil der Macht des Kapitalisten über, die ja die Grundlage seiner Fähigkeit zur Ausbeutung bildet. Der Manager ist nun derjenige, der über Wohl und Wehe der Lohnarbeiter entscheiden kann. Zugleich entscheidet er aber auch über Wohl und Wehe des Unternehmens insgesamt und könnte seine Macht dazu nutzen, sich selbst oder andere zu bereichern. Um seine Loyalität zu sichern, muss er an dem Erfolg des Unternehmens beteiligt werden.

Und dies setzt sich auch in weiteren Hierarchiestufen fort. Insofern der Abteilungsleiter eines großen Unternehmens dem Geschäftsführer eines etwas kleineren Unternehmens entspricht, lässt sich dieses Muster Stufe für Stufe weiterführen. Denn durch die Konkurrenz zwischen Unternehmen, die Outsourcing betreiben und jenen, die dies nicht tun, müssen sich zwangsläufig auch die (Lohn-)Verhältnisse zwischen beiden angleichen, ansonsten würde dass eine oder andere Modell mittelfristig zugrunde gehen. Mit jeder Stufe reduziert sich die Verfügungsgewalt des Managers und damit einhergehend sein Bonus, den er zur Sicherung seiner Loyalität erhält. Schließlich fällt die Summe von Lohn und Bonus noch unter den Wert der geleisteten Arbeit, sodass der kleine Manager, etwa in Gestalt des Vorarbeiters, selbst noch ausgebeutet wird.

4. Die Aktualität der Mehrarbeit

Was also begreifen wir durch die Mehrarbeit und ihre wandelbare Höhe? Wir begreifen dadurch, dass der Grad der Ausbeutung über die verschiedenen Stufen der Lohnarbeiter variiert und ab einer gewissen Höhe eine Entlohnung erreicht wird, bei der Lohnarbeiter von Mehrarbeit profitieren anstatt unter ihr zu leiden. Das Proletariat als Klasse kann also nicht strikt mit den Lohnarbeitern gleichgesetzt werden. Wenn das Proletariat als mehr oder weniger Mehrarbeit leistende Lohnarbeiter verstanden wird, gibt es darüber hinaus noch eine kleine Schicht von “selbständigen Vorarbeitern”, also Mehrarbeit leistende (Klein-)Bürger, sowie eine von Mehrarbeit profitierende Klasse von Lohnarbeitern von Managern. Zuletzt gibt es natürlich noch eine Klasse von “Kapitalisten”, die, von jeder Tätigkeit befreit, die Früchte der Mehrarbeit anderer genießen, die auch als “Rentiers” (oder leicht missverständlich übersetzt “Rentner”) genannt werden. Die letzten beiden Gruppen könnte man auch als Besitzer und Eigentümer von Produktionsmittel unterschieden werden. Ein gemeinsames Interesse ist vor allem innerhalb der jeweiligen Extreme von Proletariat und Rentiers zu erkennen. Kleinbürger und Manager teilen mit Proletariat und Rentiers, sowie untereinander bestimmte Interessen, befinden sich jedoch bei anderen Fragen im Widerspruch. Unter den Fragen befinden sich vor allem das Reproduktionsniveau der Lohnarbeit, die Höhe des Kapitalzins, die Länge des Arbeitstages.

Ein Aspekt, auf den hier noch nicht eingegangen werden konnte, ist die Ausbeutung durch Wohneigentum. Durch diese wird ein Teil des Lohns der Mieter abgezweigt und jenen zugeführt, die durch ihr Vermögen Wohneigentum erwerben konnten. Dadurch erhöht sich für Mieter die Menge der Mehrarbeit, während sie für Vermieter sinkt. Es erscheint nicht wenig plausibel, dass das Wohnverhältnis (Mieter, Besitzer, Vermieter) eine weitere bedeutende Differenzierung innerhalb der genannten Gruppen darstellt. Das Ergebnis dieser Differenzierung ist vermutlich eine Verstärkung der Tendenz, dass neben einer ausgebeuteten und einer ausbeutenden Klasse noch weitere Gruppen existieren, die mehr oder weniger von Ausbeutung profitieren. Um in dieser unübersichtlichen Lage weiterhin eine einigende Perspektive zu entwickeln, ist der Begriff der Mehrarbeit unerlässlich. Auch wenn nicht auf den ersten Blick abzusehen ist, inwieweit eine Person diese leistet oder von dieser profitiert, entscheidet sich an dieser Frage, ob ihre Interessen sich eher mit denen der Ausgebeuteten oder mit denen der Ausbeutenden decken. Die Kategorie der Lohnarbeit hilft hierbei nur sehr eingeschränkt.