Ein Zusammenschluss, der seinen eigenen Feiertag bekommt, darf ruhig das eine oder andere „Linke“ Gemüt aufhorchen lassen. Es mag vielleicht sogar zur Frage kommen, was dieses so ehrwürdige Gebilde ist, das alle Bürger:innen seines Kontinents aufruft in gemeinsamer Nostalgie schwelgend, königsblaue Fahnen mit zwölf Sternen schwingend eine Gemeinschaft zu feiern – nur für was?
Europäer:in ist freier, demokatischer Mensch und Bürger:in zu sein – weitere ideologischen Implikationen dieses „Menschenseins“ können auf der Website unter „EU – kurzgefasst“ angesehen werden. Die Rubriken Ziele und Werte finden sich dort, deren eigens erklärtes Hauptziel, dem „Frieden“ alles andere untergeordnet zu sein scheint. Untermalt von dem üblichen Geplänkel zu Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Schon im Bezug zu den Zielen wird »Wirtshaft-« erstaunlich oft referenziert; dazu gleich mehr. „
Die EU muss endlich handeln!“ Die große Europäische Einigkeit erfasst die verschiedenen politischen Lager. Selbst ihre größten Kritiker:innen sehen die EU nur als fehlgeleitet und eines „Updates“ durch eine junge, frische Generation an Nachwuchsbürokrat:innen bedürftig. Als Reaktion auf reaktionären Nationalismus gilt es für sie, die EU oder doch wenigstens Europa vor sich selbst zu retten.
Zwanghafte Rückblenden an den Europaparlamentswahlkampf 2019 drängen sich ins Bewusstsein »Europa sichert Frieden«, »Perfekt ist Europa nicht, aber ein verdammt guter Start«, »Wir machen Europa sozial«. Das bürgerliche Demokratietheater mit seinen Parteien ist sich einig: Europa als Friedensprojekt gilt es zu wahren, zu schützen, zu reformierenzu, gestalten und allem voran durch »demokratische« Wahlen einen legitimen Anstrich zu verleihen. Gefeiert wird vermeintlich schon 70 Jahre währender Frieden – dessen Mythos allein mit der Verleumdung des Jugoslawienkrieges aufrechterhalten werden kann – und nicht die  Durchsetzung imperialen Interessen der besitzenden Klasse, die in der EU eine supranationale Struktur findet. Was als rein wirtschaftliches „Binnenmarktprojekt“ begann hat nun den ideologischen Überbau erhalten, diesen Aspekt in gut-bürgerlicher Manier in den Hintergrund treten zu lassen. Widersprüche werden naturalisiert unter Beschwörung der nun neu geformten Identität der Europäer:in. Menschrechte, Freiheit und Frieden gelten in Maßen nur für sie und ihre Unterstützer:innen. Im Akt der Ausbeutung des globalen Südens berilweilsweise treten diese »Werte« niemals an; bei Waffendeals mit Diktaturen, der Hofierung von Autokraten, die sich über den Nahen und Mittleren Osten erstrecken oder bei der Durchsetzung des rassistischen Grenzregimes der »EU- Außengrenze« schweigen diese schildernden Werte gegenüber der materiellen Realität und den Interessen der herrschenden Klasse. 
 
Die einzelnen Europäischen Staaten exportieren ihre Waffen ungestört in Staaten mit offener Konfliktbeteiligung: Vor 2017 wurde die Türkei als Bündnispartner bei ihrem Einfall nach Afrin versorgt. Nach den schwersten Kämpfen wurde ein Exportverbot für sie durchgesetzt. Das betrifft aber nur neue Verträge. Selbst 2020 betrug das Exportvolumen Deutschlands, einem der großen Aufsteiger der Branche, noch gut 20 Millionen Euro. Nun wird eben nach Katar exportiert, über das türkische und eigene Verbände in Libyen intervenieren und welches auch in Yemen beteiligt ist. Libyen’s Küstenwache wiederum ist für die Lager an seiner Küste verantwortlich, die regelmäßig internationale Empörung, aber keine Konsequenzen nach sich ziehen.
Frankreich währenddessen rüstet die griechische Flotte in ihrem Konflikt mit der türkischen auf, exportiert aber ebenso nach Ägypten, Katar und Indien. Diese Exporte sind „notwendig“, um die eigene Armee aufzurüsten. Weiterhin interveniert Frankreich als Teil der MINUSMA in Mali. Auch die terroristischen Gruppen in dessen Norden erhielten Geld aus Katar. Wir sehen also, dass der Nahe Osten eine Schlüsselrolle für eine gemeinsame europäische Militärstrategie spielt. Nord- und Westafrika sind jedoch auch der andere Baustein in der europäischen Strategie der Abriegelung, neben Ägypten, Libyen und der Türkei. Die „Zusammenarbeit mit den Herkunfsländern“ heißt: Entwicklungshilfe und Regimestabilisierung im Tausch gegen das Unterdrücken unerwünschter Migration.
Im Vertrag über die Europäische Union (EUV) haben sich die Mitgliedsstaaten unter anderem auf den gemeinsamen Wert der „Achtung der Menschenwürde“ und auf das Ziel einen Beitrag „zum Schutz der Menschenrechte“ zu leisten, geeinigt. 
Dass dies bisher nur wenig erfolgreich war, ist wohl offensichtlich, im folgenden nur einige Beispiele.
1. Operation IRINI heißt das Programm der EU, das offiziell das UN-Waffenembargo gegen Libyen unterstützen soll und dabei die libysche Küstenwache in Sachen Strafverfolgungsaufgaben auf See ausbilden soll. Praktisch sorgt es aber dafür, dass flüchtende Menschen, die in Libyen starten, nicht nach Europa kommen. Warum? Die sogenannte libysche Küstenwache sammelt Boote auf dem Mittelmeer ein, und bringt die Menschen darauf zurück nach Libyen. Dort erwarten sie Gefängnis, Schmerzen, Hunger, unwürdige Lebensbedingungen, kurz: Verletzungen von etlichen Menschenrechten. 
2. Der EU-Türkei Deal
Zu nennen ist der „Flüchtlings-Deal“, wie zuvor auch schonmal angesprochen. Er besagt, dass die Türkei für eine sehr hohe Menge an Hilfsgeldern aus der EU ihre Grenzen zumacht, sodass niemand, oder zumindest weniger Menschen, den Weg in die EU antreten können. Es ist gewissermaßen eine Abmachung, wer sich um diese kümmern ‚muss‘. 
3. Die Maßnahmen gegen Geflüchtete an den EU-Außengrenzen
Hier sind zu nennen offizielle Camps auf verschiedenen griechischen Inseln sowie inoffizielle Camps in Bosnien, die alle an grundlegenden Lebensbedingungen mangeln lassen. Gebilligt und ignoriert von EU-Behörden, obwohl jeder dieser Personen das Recht auf einen Asylantrag und ein faires Verfahren hat.
 
So gilt es stets als grundlegendste aller sozialistische Postion, sich nicht das Gewand der Europäer:in überzustülpen, losgelöst von ihrer Realität als Klassenwerkzeug. Es gilt nicht einzustimmen in den Gesang der Werte und Ideen, sondern ihre Mauern und bürgerlichen Institutionen niederzureißen und die Grundlage einer freien Gesellschaft zu schaffen.