Zwei Revolutionen, zwei Anfänge

Revolutionen beginnen nicht mit dem Auf- und Untergang der Sonne ein- und derselben Tages. Sie sind eingebettet in Bedingungen eben jener Gesellschaften und historischen Umstände, derer sie sich zu entledigen versuchen. Das zeigt nicht nur die Pariser Kommune, sondern die erste autonome kurdische Republik – die Republik von Mahabad.

Die Pariser Kommune

Die 72 Tage der Pariser Kommune sind eine dieser eindrücklichen Momente und zugleich die erste proletarische in ihrer Geschichte. In der Gegenwart jedoch findet die Pariser Kommune von 1871 wenig bis keine Beachtung. Die Kommune war viel, aber besonders eine Form der absoluten Zuspitzung und – wenn auch nur von kurzer Dauer – Überwindung der Klassenwiedersprüche und eine Ermächtigung der Arbeiter:innen, die die materiellen Verhältnisse des gesellschaftlichen Lebens so veränderte, dass ein  Leben ohne das Joch der bürgerlichen Herrschaft zur Realität werden konnte.
Ermöglicht wurde dies durch den Niederlage der bonapartistischen Republik Frankreichs. Nach monatelanger Belagerung durch die preußische Armee und der wird Paris nun offziell am 28. Januar an die Preußen übergeben, jedoch gelingt die Entwaffnung der Parsier Bürger:innen nicht. Die Bewohner:innen von Paris erlauben die Besatzungsmacht nur minimale Gebietsgewinne innerhalb der Stadt. Die voranschreitenden Zugeständnisse der post-bonapartistischen  Regierung sorgen immer mehr für Unruhe. 
Am 18. März 1871 nach dem vergeblichen Versuch Adolphe Thiers, Staatspräsident der dritten Französischen Republik, Paris mit der Staatsarmee Paris zu entwaffnen, verbünden sich Teile der Arbeiter:innen Bewegung mit der Armee. Einige Soldat:innen verweigern ihre Befehle und so bricht am 18. März 1871 der Bürgerkrieg aus. Am 26. März wird den Gemeinderat der Pariser Kommune durch die Bewohner:innen der Stadt, die zu einer großen Mehrheit aus Arbeiter:innen besteht, unter denen sich viele Mitglieder der 1. Internationale befanden, gewählt. Mit dem Verlust ihrer Herrschaft verließ die bürgerliche Klasse die Stadt in Richtung Versailles, wo sich der Apparat der 3. Republik formierte.
Die erste proletarische Revolution war geboren. Die ersten Dekrete der Kommune waren eine Separation der neu gegründetetn Instituionen und der Kirche, durch den Entzug sämtlicher finanziellen Mittel gegenüber religiöser Einrichtungen, das Nachtarbeitsverbot der Bäcker:innen, die Abschaffung der „Moralpolizei“ sowie die  Begrenzung der Einkünfte von Mitgliedern der Kommune auf einen Durchschnittsarbeiter:innenlohn.
Was die Kommune zeigte war eine gesellschaftliche Alternative. Neojakobiner:innen, Blanquisten:innen, Internationalist:innen, Proudhonist:innen schufen Institutionen im Interesse ihrer Klasse – der Arbeitenden, wodurch ein freies, sicheres Leben für den gßten Teil der Bevölkerung möglich wurde. Vermutlich selbst noch keinen wirklichen Begriff davon habend, war die Bedrohung, die die Kommune darstellte, der bürgerlichen Klasse umso klarer. Die Konterrevolution aus Versailles und Preußen ließ nicht lange auf sich warten. Durch das Bündnis von Versailles und Preußen – letztendlich Ausdruck eines klassensolidarischen Aktes der Herrschenden – gelingt der Einmarsch der Versailler Armee. Unter der Führung von General Patrice de Mac-Mahon, der später zum Präsidenten Frankreichs werden sollte. Innerhalb von 8 tägigen Kampagne werden 30.000 Kommunard:innen ermordet. Im Zuge der Vernichtung der Kommmune wurden insgesamt weitere 38.000 Personen inhaftiert und knapp 7.000 deportiert. So kam die erste proletarische Revolution zu ihrem blutigen Ende.
Aus Vergangenem für die Gegenwärtige lernen, historische und gesellschaftliche Bedingungen nach ihren materillen Verhältnissen zu durchleuchten und anhand von Klassenverhältnissen zu verstehen ist unsere selbstgestellte Aufgabe als Marxist:innen. In der Arbeitsgemeinschaft NahOst wollen wir eben jenes unternehmen. Dazu gehört es proletarische Geschichte zu enthüllen zu denen auch unserer Ansicht nach die Mahabad Republik gehört.

Die erste kurdische Republik

Am 22. Januar 1946 rief die Demokratische Partei Kurdistans-Iran (DPK-I, auch nur DPK) unter der Führung Qazi Muhammad in der Stadt Mahabad die erste kurdische Republik aus, die sich südlich und westlich des Urmia-Sees erstreckte, womit sie etwa ein Drittel des Siedlungsgebiet der iranischen Kurd*innen umfasste. Die iranische Zentralregierung unter der Sowjetisch-britischen Besatzung war zwar formell unabhängig, übte aber keine echte Macht aus. Der Marsch der DPK auf die Polizeistation der Stadt am 17. Dezember des vergangenen Jahres traf also auf keinen nennenswerten Widerstand. Schon vorher hatte die DPK das Fehlen staatlicher Strukturen nutzen können und richtete eine Selbstverwaltung ein.
Hilfe bekam die DPK und mit ihr Qazi Muhammad von der Sowjetunion. Großbritannien hatte zuvor jeglichen Autonomiebestrebungen eine Absage erteilt. Einige Quelle schlussfolgern daraus, dass die Republik Mahabad von der UdSSR gesteuert war. Jedoch widersetzte sich Qazi Muhammad dem Wunsch der sowjetischen Führung, sich in die Aserbaidschanische Republik einzugliedern. Weiterhin blieb die sowjetische Hilfe jenseits einer Druckerpresse und einem Transistorradio eher beschränkt. Besonders die militärischen Güter blieben weit unter dem Versprochenen oder Erwarteten.
Die Erfolge der Republik bestanden vor allem in der Veröffentlichung verschiedener Zeitungen und Magazine sowie von Schulbüchern in kurdischer Sprache sowie wirtschaftlicher Selbstverwaltung. Dadurch nahmen sich viele Kurd*innen erstmals als solche wahr. In vielen Teilen Kurdistans fühlte sich ein Großteil der Menschen immer noch an ersterer Stelle einer Religion oder einem Stamm zugehörig, keiner Nation. So konnten religiöse oder tribale Identitäten gegeneinander ausgespielt werden, um die nationale Unabhängigkeit zu verhindern, die angesichts der wirtschaftlichen Ausbeutung und politischen Unterdrückung der Bevölkerung notwendig war.
Die Sowjetunion ließ sich mit Ölkonzessionen und mit der Drohung einer britisch-amerikanischen Intervention zum Rückzug ihrer Truppen aus dem Nordwesten Irans bringen. Zuerst fiel die Aserbaidschanische Republik. Die dort verübten Massaker brachten einige Stämme dazu, sich aus Angst von der Republik abzuwenden. Unter der Führung Amr Khans sendeten sie Telegramme an die Zentralregierung, um ihre Loyalität zu beweisen.
Der isolierte Präsident Qazi Muhammad sah die Republik nicht in Stande, sich gegen die anrückenden Truppen zu verteidigen und lieferte sich zusammen mit der Regierung am 17. Dezember 1946 aus. Er und zwei andere Mitglieder der Regierung wurden von einem Militärgericht am 23. Januar zu Tode verurteilt und nach Bestätigung des Urteils im März gehängt.
Die Republik und die Kommune sind nicht direkt miteinander zu vergleichen. Jedoch sehen wir, dass eine Alternative zur bürgerlichen Gesellschaft nicht nur in Form einer idealisierten Utopie existiert, sondern für eine kurze Zeit Realität wurde. Wie ernstzunehmend die Projekte waren, zeigt sich in beiden Fällen an der Reaktion ihrer Feinde – Gewalt. Ein erfolgreiches unabhängiges Kurdistan, egal welcher Größe musste genauso verhindert werden wie eine erfolgreiche sozialistische Republik.
Als Arbeitsgemeinschaft wollen wir uns diesem Komplex der kurdischen Geschichte als einer proletarischen Geschichte ausführlicher und intensiver befassen und in einer späteren Publikation ausführlicher die Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten.